GABRIELLE SUSAN RÜETSCHI
Montag, 16.09.2024 – von Simone Nuber
Fotografie privat
«Ich bin in Montreal geboren und verwurzelt, danach in der Region Baden aufgewachsen. Heute lebe und schreibe ich in Baden und Scuol. Seit meinem frühen Erwachsenenalter ist Sprache im Allgemeinen und schreibendes Verdichten im Speziellen eine wesentliche Passion, angeregt durch ausgedehnte innere und äussere Reisen. Mein Weg führte erst durch verschiedene Berufs- und Lebenserfahrungen (unterrichten, behandeln, beraten, Kinder wachsen lassen...) bis ich vor einigen Jahren das Schreiben zu meiner Hauptbeschäftigung machte. Mein Schreiben ist inspiriert durch lange Streifzüge in der Natur. Ich trage meine Gedichte auch gerne vor: «Kaleidoskop Wasser» und «Gebärde der Erde» sind die aktuellen Programme meiner Lesungen.»
Welche drei Tätigkeiten zeichnen Sie aus?
Hmm. Es sind vier! Pilgern, Zuhören, Forschen, Jonglieren. «Pilgern» in der Natur, ihren Lebewesen zuhören (dazu gehören Menschen, Tiere, Pflanzen, aber auch Steine, Wasser, Wolken, Farben), forschen indem ich verarbeite, vergleiche, verwebe, verdichte und jonglieren mit Worten, damit sie dadurch in ein stimmiges Spiel und Gleichgewicht kommen.
Welches ist ihr liebstes Element? Weshalb?
Das Wasser – davon bin ich seit sehr langem überzeugt. Weil ich mich und mein Leben in sehr vielen seiner Eigenschaften wiedererkennen kann, weil ich anpassungsfähig und doch auch eigensinnig, weich und gleichzeitig powerful, im Kreislauf ewig lebend und sehr wandelbar bin. Seit ich mich aber intensiv auch mit Erde, Feuer und Luft beschäftige, ist mir klar geworden, wie sehr sich die vier Elemente bedingen, im Gleichgewicht halten - und alleine nicht lebensfähig sind. Trotz Wasser als liebstem Element: den Gedichtband über die Erde zu schreiben, war eine unermessliche Entdeckung für mich – und ein unerwartetes Glück.
Womit beenden Sie einen gelungenen Tag?
Mit Abendschritten in der Dämmerung oder stillen Momenten auf dem Balkon.
Wofür stehen Sie mitten in der Nacht auf?
Früher für unsere Kinder, die nicht schlafen konnten – jahrelang! Und heute, um über den Sternenhimmel zu staunen.
Was packen Sie immer in Ihren Koffer ein?
Zwei Tennisbälle, um sich anbahnende Verspannungen auch am Rücken schnell lösen zu können.
Wie möchten Sie sterben?
Mit einem «Danke» im Herzen und womöglich auch auf den Lippen, im Frieden mit mir und der Welt.
Was ist für Sie ein verlorener Tag?
Ein Tag ohne einen Augenblick der Freude.
Welche Erfindung ist für Sie die bedeutendste?
Die Schrift, mit der die menschliche Sprache festgehalten und über lange Zeiträume auch weitergegeben werden kann – und so unsere Erinnerung wachhält.
In welchem anderen Jahrhundert hätten Sie gerne gelebt?
In keinem vergangenen – ich bin sehr froh, dass sich die Menschheit – zwar (für eine ungeduldige Seele wie mich) unendlich langsam, aber stetig zu einer liebevolleren, sich der Umwelt bewussteren Spezies entwickelt. Und ihre eigentlich doch schöne Verantwortung der Schöpfung gegenüber mehr und mehr wahrnimmt. Allem gegenwärtigen Grauen zum Trotz: ich glaube daran.
Welches Buch müssen wir aktuell lesen?
«Das Eisschloss» von Tarjei Vesaas
(erschienen im Newsletter der libraria poesia clozza, 16.9.2024)
Artikel von Leandra Sommaruga, Badener Tagblatt vom 12. Juni 2023 (Foto: Alex Spichale)
Artikel von Bettina Gugger, Posta Ladina/Engadiner Post vom 23. Mai 2023 (Fotos: Gabrielle Susan Rüetschi)
Die Natur im Unterengadin inspiriert Gabrielle Susan Rüetschi zu ihren Gedichten. Gabrielle Susan Rüetschi (rechts) und Clarigna Küng bei der Premiere ihrer musikalischen Lesung (Fotos: z. Vfg).
Literatur
«Oh dass da Berge sind»
05.04.2021 15:00 | Kultur | Engiadina Bassa, Scuol, Schweiz |
Anfang Dezember ist das erste Gedichtband von Gabrielle Susan Rüetschi erschienen. Sie lebt in Baden und in Scuol und schreibt vorwiegend im Unterengadin. Für den Frühling/Sommer ist der zweite Band zur musikalischen Lesung «Kaleidoskop Wasser» geplant.
«Im dunklen Licht des nächtlichen Himmels ist alles möglich und singend», schreibt Gabrielle Susan Rüetschi in einem ihrer Gedichte. Sie ist in Montreal geboren und in der Region Baden aufgewachsen. Heute lebt sie in Baden und im Unterengadin und schreibt vorwiegend in Scuol. Angeregt durch verschiedene Auslandreisen und ausgedehnte innere und äussere Reisen, ist die Sprache und insbesondere das Schreiben ihre grosse Leidenschaft. Sie lässt sich von der Natur inspirieren, insbesondere im Engadin. Seit über 20 Jahren verbringt sie ihre Ferien im Unterengadin. Vor einigen Jahren wurde das Schreiben zu ihrer Hauptbeschäftigung, um dem Drängen nach Ausdruck in der Sprache mehr Raum zu geben. Seitdem ist auch Scuol ihre zweite Heimat, und sie verbringt viel Zeit im Unterengadin. «Ich habe einen starken Bezug zum Unterengadin, und ich schreibe ausschliesslich in Scuol», sagt die Dichterin. Hier findet sie die nötige Ruhe und Inspiration, um ungestört dichten zu können. Ihre Gedichte beschreiben ein Bild, einen Moment in der Natur, und die Hingabe und Faszination lässt etwas aufscheinen, was vorher nicht erkennbar war.
«Die Zeit bleibt stehen ...
Seit 2017 organisiert Gabrielle Susan Rüetschi regelmässig musikalische Lesungen mit eigenen Texten im Engadin und in der übrigen Schweiz. Dabei wird sie von der Violinistin Clarigna Küng musikalisch begleitet. «Meine Gedichte leben vom Klang», sagt Rüetschi. Ihre Gedichte wirken noch stärker, wenn sie laut vorgelesen werden, und in Symbiose mit der Violine werden die Augenblicke lebendig. Nach «Oh dass da Berge sind» (2017/18) und «Taimpras da l’aua – Wasserprägungen» (2019) ist «Kaleidoskop Wasser» das dritte Programm einer musikalischen Lesung.
Wasser als Element der Natur, Wasser in seiner Wirkung auf den Menschen und Wasser als Spiegel menschlicher Emotion und Entwicklung, ist das Thema der Lyrik und Kurzprosa in diesem Programm. Eine musikalische Lesung mit ihren Texten in Sent ist schon zweimal wegen der Corona-Pandemie verschoben worden und soll nun am 12. Juni stattfinden.
... und hinter dem Auge mein Herz»
Anfang Dezember ist ihr erster Gedichtband «Oh dass da Berge sind» in der Edition Gasumont-royal erschienen. Darin sind ihre Gedichte in drei Kapitel, nämlich «Tal», «Schlucht» und «Himmel und Erde» eingeteilt. Drei Prosatexte zur Clemgia, zur Entstehung einer Quelle und zum Aufstieg verbinden die verschiedenen Kapitel. So einzigartig ihre Gedichte sind, so speziell zeigt sich auch das Buch: Die Gedichte sind auf besonderem Papier gedruckt, der Band wurde in Schweizer Broschur-Bindung, einer traditionellen alten Buchbindekunst gebunden.
Der Buchumschlag ist aus einem alten grau-weissen Papier, und der Titel ist geprägt, das Layout ist stimmig und unterstreicht die besondere Atmosphäre der Gedichte. Eine Doppelseite mit Naturbildern zeigt, wie sich Gabrielle Susan Rüetschi für ihre Gedichte inspirieren liess. Diese Bilder können auch den Gedichten zugeordnet werden. Und die letzte Zeile des zu Beginn genannten Gedichtes beschreibt den Augenblick, der zu beglücken vermag, wenn die erste Seite des Buches aufgeschlagen wird: «Die Zeit bleibt stehen, umfasst mich sanft, und hinter dem Auge mein Herz». Im Frühling/Sommer ist auch der zweite Band zur Lesung «Kaleidoskop Wasser» geplant.
Der erste Gedichtband «Oh dass da Berge sind» ist im Buchhandel erhältlich oder kann direkt bei Gabrielle Susan Rüetschi bestellt werden kaleidoskop.wasser@gmx.ch. Im Frühling/Sommer ist auch der zweite Band zur Lesung «Kaleidoskop Wasser» geplant.
Artikel, erschienen in der Engadiner Post / Posta Ladina vom 6. April 2021
Text: Nicolo Bass